Ich weiß garnicht, wie oft ich versucht habe einen Bericht über den Hamburg Marathon 2018 zu schreiben. Schließlich war es mein erster Marathon und darüber hinaus noch sehr besonders. Besonderer Ort, besonderes Wetter, besondere Stimmung und vor allem besondere Begleitung. Als ich anfing darüber zu schreiben, kamen alle meine persönlichen Themen der letzten drei Jahre zusammen. Mehrere Anläufe habe ich abgebrochen und sehr viele Wörter gelöscht. Das ging mir dann doch zu weit… Ich weiß, dass Andere daraus ein Buch machen würden. So Typen wie ich schreiben (hoffentlich) keine Bücher. Höchstens Blogbeiträge wie diesen hier. Es sei denn, man hat wirklich etwas zu erzählen. Aber ich habe aktuell keine besondere Krankheit, besondere Fähigkeiten oder leiste etwas Wichtiges für die Gesellschaft. Nun gut… von meinem Job mal abgesehen. Außer zwei Mal beim Wacken Open Air, war ich auch noch nie in Extremsituationen. Was daran extrem ist? Nunja, ich finde zum einen die Musik extrem super und zum Anderen ist das einzig anerkannte Hauptnahrungsmittel Bier. Über vier Tage. Ich schweife ab… Nein, ich laufe einfach nur. Und selbst darauf bin ich nicht von allein gekommen.

Hamburg, die schönste Stadt der Welt

Ich war noch nie in Hamburg gewesen. Wieder ein erstes Mal. Ich hatte in den letzten drei Jahren viele „erste Male“. Scheint so, als wenn ich nach 34 Jahren dann auch mal wach geworden wäre. Hamburg wurde mir als die schönste Stadt der Welt angepriesen. Ich will ja jetzt nicht Äpfel mit Birnen vergleichen… aber schonmal in Prag oder Krakau gewesen? Nunja lassen wir das. Ich stelle fest: Ich bin nicht so der maritime Typ. Hamburg gefällt mir aber sehr gut. Es ist wirklich sehr schön und ich werde gerne wieder kommen. Aber mein Herz ist wohl doch tatsächlich in Berlin gelandet und geblieben. Das alte Drecksloch… Schweife ich ab?

Ich komme nach einer durchwachsenen Fahrt mit der Bahn in Hamburg an und mache mich zu Fuß vom Hauptbahnhof zum Hotel. Ich will ja etwas von Hamburg sehen, wenn ich schonmal hier bin. Das InterCity Hotel Dammtor-Messe habe ich übrigens (Achtung! Schleichwerbung mit der ich tierisch reich werde) über Booking.com gebucht. Wer für den Hamburg Marathon nach Hamburg kommt, ist hier sehr gut untergebracht und befindet sich in der komfortabelsten Lage. Eine Straße weiter ist die Messe und der Start/Zielbereich. Auch gut nach einem Marathon: Das Hotel ist Barrierefrei! Man muss keine Treppen oder Stufen gehen um ins Zimmer zu gelangen.

Das erste Blitzlicht

Als ich zum CheckIn des Hotels ging, war Sandra schon dabei alles abzuwickeln. Sandra und ich treffen uns zum ersten Mal. Wir haben uns aber bereits im Januar 2015 online „kennengelernt“. Seitdem ist sie eigentlich ständig bei mir. Von meinen ersten offiziellen Lauf bis heute hat sie alles mitgemacht. Jede dämliche Verletzung, Überlastung und Frustration aber auch Erfolge hat sie miterlebt und mich wieder aufgebaut wenn es notwendig war. Wenn jemand meine Entwicklung kennt, dann wohl Sandra. Ich werde nicht müde zu erwähnen, dass es mich als Läufer ohne Sandra nicht geben würde. Vermutlich wäre ich nicht drangeblieben, bis zu dem Punkt, an dem das Laufen für mich so wichtig wurde.

Wie es sich anfühlt vor jemanden zu stehen den man kennt, aber eigentlich doch nicht. Von dem man viel weiß, aber noch nie real gesehen hat. Dieser Moment wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Egal welchen Lauf wir vor uns haben und was als nächstes passieren sollte. Dieser Moment war da und kann mir nicht mehr genommen werden.

Blick aus dem Hotelzimmer InterCity Dammtor-Messe in Hamburg. In der ferne sieht man die kleinen, roten Lichter der Hafenkräne. Vorne rechts im Vordergrund die Messehalle. Start- und Zielbereich sind in unmittelbarer nähe des Hotels.

Bist du eigentlich nervös?

Der Tag vor dem Start ist traditionell. Die Messe in Hamburg ist natürlich obligatorisch. Vor allem die Startnummern müssen abgeholt werden. Und ich habe mir ein Finisher-Angeber-Shirt mitbestellt. Ich stellte mir die Frage, ob ich es am nächsten Tag wohl tatsächlich tragen darf? Nervös bin ich nicht. Ab und zu habe ich Zweifel. Nicht nur, dass ich noch nie so weit gelaufen bin. Auch die Vorbereitung hätte deutlich besser sein können. Es ist nicht schlecht gelaufen aber es war am Ende nicht ausreichend genug. Am Ende waren es nur zwei Läufe über 32 KM. Deutlich zu wenig.

Sandra ist etwas misstrauisch, da sich bei mir keine Nervosität einstellen möchte. Das ist normal und wird sich bald ändern. Nervös werde ich erst kurz vorher. Wir verabreden uns zum Frühstück. Das gibt es bereits ab 06:00 Uhr. Perfekt. Den Abend nutze ich, um meine Sachen für den Start vorzubereiten und zu entspannen. Wann habe ich schon einmal so eine Ruhe. Ich nutze die Zeit.

Noch einmal inne halten und die Ruhe genießen…

Nun geht es los

Zum Glück leide ich ausnahmsweise mal nicht unter dem First-Night-Effect und kann ziemlich gut durchschlafen. Am frühen Morgen erahnt man schon, dass es gutes Wetter geben wird. Dennoch halte ich an meinen Kleidungsplan fest. In den letzten 72 Stunden war ich ständig am überlegen, was ich denn nun anziehen möchte. Am liebsten mein Salzkotten Marathon Botschafter Shirt. Allerdings befürchte ich typisches Hamburger Wetter und meine Laufjacke hat die praktischen Taschen. Eigentlich eine Radjacke aber es lässt sich damit auch super laufen. Sie ist halt ein wenig dicker aber man kann die Ärmel abtrennen. Darunter ein sehr dünnes aber langärmliges Laufshirt.

Wir treffen uns beim Frühstück. Zunächst ist alles ok. Sandra ist ein ziemlich fröhlicher Mensch. Das tut mir gut und noch bin ich vom Gespräch abgelenkt. Zum Ende des Frühstücks merke ich, wie ich ständig zur Uhr gucke. Der Start soll um 09:30 Uhr sein. Der Fußweg dauert vielleicht fünf Minuten. Trotzdem kommt die mir bekannte Unruhe. Ok… jetzt dämmert es mir. Ich soll gleich 42.2 Kilometer durch Hamburg laufen. Ach du sch…

Vom Hotelzimmer aus sehen wir die ersten Läufer zum Messegelände gehen. Wir haben aber noch Zeit und können uns noch eine Weile über alles Mögliche unterhalten. Dennoch werde ich, wohl zur Erleichterung von Sandra, ziemlich nervös. Dann, ungefähr 90 Minuten später, verlassen wir das Hotel mit unseren Startnummern.

Startschuss gibt es hier nicht

Auf dem Weg zu den Startblöcken kann ich zumindest wieder rumfeixen. Die Nervosität weicht schon langsam wieder. Auch wenn Sandra mir mit gelegentlichen Schmerzerwartungen droht. Die sind allerdings nur so halb ernst gemeint. Oder sagen wir mal so… das mit Schmerzen meint sie schon ernst… aber sie hat halt einfach Spaß daran mich aufzuziehen. Natürlich vergeht die Zeit bis zum Start ziemlich schnell. Wie alle schönen Momente. Einen Startschuss gibt es nicht. Stattdessen ertönt ein tiefes (Nebel/Schiffs?)Horn welches zum Angriff bläst. Wir sind auf der Strecke und traben los.

Irgendwo nach dem fünften Kilometer war mein Körper dann endlich mal auf Wellenlänge mit der Strecke. Sandra läuft stets an meiner Seite und weicht nicht. Für sie ist das ein Trainingslauf mit, obwohl sie Anderes behauptet. Sie sagt, sie habe einen Auftrag. Für mich eine super komfortable Situation. Ich brauche nicht auf meine Uhr zu achten. Sandra gibt das Tempo vor, bremst mich wenn nötig oder erinnert mich daran, dass sie genau darauf achten wird, ob ich auch meine Gels nehme. „Ach die schmecken echt okay. Alles gut. Da denke ich dran.“ Vor allem folgt sie ihren Leitsatz für diesen Marathon unerbittlich. The show must go on? Sie lacht trotz diverser Problemchen ständig. Das wird sich bis zum Schluss nicht ändern. Das Schöne daran, es ist ansteckend. Bis KM 30 schaffe ich es auch noch relativ locker (mehr oder weniger witzig) rumzuflachsen.

Dann wurde es leise

Als ich das Schild mit der Aufschrift „32 KM“ sah wurde mir klar, dass es für mich eigentlich jetzt erst anfängt. Neuland. Noch nie zuvor bin ich weiter gelaufen als heute. Meine große Klappe hielt sich nun sehr zurück. Ich merkte wie mein Puls langsam höher ging und auch ab jetzt konstant oben blieb. Alle meine Muskeln fingen jetzt langsam aber sicher an zu ermüden.

Sandra hingegen rief ab jetzt nach jedem neuen Kilometer „HURRA! Nur noch x KM!“ und hüpfte dabei auch noch über die Strecke. Ich bin fassungslos. Ich muss lachen… ob ich will oder nicht

Wir haben schonungslos jeden Verpflegungspunkt mitgenommen. Ab KM 35 bettelte ich schon nach den Nächsten. Zum Schluß nicht wegen dem Wasser, sondern vor allem wegen der kurzen Gehpausen. Ab KM 37 habe ich gelitten. Das Antraben wäre ohne Sandra ganz sicher nicht mehr gelungen. Aber ich wollte sie schließlich beeindrucken. Wer hätte gedacht, dass mir mein Ego mal nicht im Wege steht sondern hilft!? Vor allem will ich aber auch ins Ziel… scheisse tut das weh.

Zwischenzeitlich spielten sich am Streckenrand auch unschöne Szenen ab. Gelegentlich mussten Läufer/innen ärztlich versorgt werden. Die Helfer/innen waren unermüdlich im Einsatz. Sandra auch.

Zähne zusammenbeißen, jammern und durch

Bei KM 37 musste ich auch mein letztes Gel reindrücken. Es kam mir fast aus den Ohren raus. Während die ersten zwei gut waren, war das Dritte höchstens zu tolerieren und das Vierte echt ekelig. So viel dazu. Aber geholfen hat es jedes Mal.

Mein Puls wollte es sich irgendwo bei 180 gemütlich machen. Das bedeutet für mich aber, dass ich so nicht lange durchhalte. Keine gute Idee, denn es waren noch zwischen 2 und 3 Kilometer zu laufen. Kommando Gehen(!) kam von Sandra. Ob sie wohl weiß wie dankbar ich dafür war? Übrigens… meine Muskeln tun jetzt gerade echt weh! Ich will nicht mehr laufen! Als sich mein Puls etwas beruhigt hatte, wollte ich dennoch weiterjoggen. Ich rieche doch das Ziel da vorne irgendwo.

KM 42 – Nur noch 195 Meter. Sandra beschleunigte und lief mir den Weg frei. Ich brauchte nur noch hinterher und dranbleiben. Keine Ahnung warum aber es gelang mir dranzubleiben. Wir liefen gemeinsam ins Ziel.

Das Ziel nach 42.2 KM

Etwas ungläubig und stumpf blieb ich stehen. Ok ich bin im Ziel. Zeit zu jammern. Große Emotionen etwas großes geleistet zu haben hatte ich nicht. Ungefähr 60 Sekunden nach dem Zieleinlauf wurden gefühlt alle Muskeln in den Beinen steiff und steinhart. Ich bewegte mich in Zeitlupe wie ein Roboter. Auch hier versorgte mich Sandra, indem sie von Stand zu Stand hüpfte, durch die Menschen glitt und mir alles trink- und essbare in die Hand drückte. Wie sie es nennt: Das Rundum-Sorglospaket!

Ich verstehe es überhaupt nicht, dass ich einen Marathon gelaufen bin. In keinster Weise. Ich verstehe nur die tiefe Dankbarkeit und mir ist völlig klar, dass es ohne Sandra extrem geworden wäre. Marathon ist faszinierend. Sandra dabei zu haben ist unbezahlbar. Ich werde am Ende einige Tage brauchen um es zu verstehen. Was sich jedoch sofort einstellte war mein Hannover-Effekt. Das will ich noch einmal!

Noch heute, über eine Woche später kann ich noch nicht entscheiden, was dieses einmaligen Erlebnis so unfassbar macht. Denn passiert ist zwischen 0 und 42 unglaublich vieles, nicht sichtbares. In den letzten drei Jahren sowieso. Es gab sehr viele Veränderungen und Entwicklungen. Nur eines ist in den letzten drei Jahren immer gleich geblieben, loyal, zuverlässig und absolut konstant. 😉

Epilog

Bereits einen Tag nach meinem ersten Marathon habe ich zum Glück nur einen leichten Muskelkater. Schmerzen? Was für Schmerzen? Hatte ich welche? Ich bin stolz auf meinen Körper! Damit hätte ich nicht gerechnet.

Mein Finisher-Shirt trage ich heute zum ersten mal auf meine Laufrunde. Nicht ohne Stolz natürlich. Denn ich darf es ja tragen. 🙂

Ich kann nicht ohne Laufen… eigentlich sollte ich noch eine Woche pausieren. Geht aber nicht. Mein nächstes Trainingsziel: Gewicht verlieren! Weiterlaufen bis zum Berlin Marathon. Den werde ich leider alleine Laufen müssen.

Und ich habe einen Traum: Noch einmal 42.2 KM laufen!

Dieser Bericht wird dem Ereignis nicht gerecht. Es ist nur ein Versuch zu berichten ohne dabei einen Roman zu schreiben.

Ich bin mir noch unschlüssig nach welchen Trainingsplan ich trainieren werde. Spätestens am 25. Juni sollte ich mich entschieden haben. Da mir nichts wegläuft, kann ich dieses Jahr den Einen testen und im nächsten Jahr den Anderen. 🙂

Übrigens hat auch Sandra einen Bericht geschrieben. Hier erlebt ihr den Hamburg Marathon aus ihrer Sicht: Weiter zu Sandras Lebenslauf

Booking.com

Geh raus und mach dich dreckig. Lauf!