Ich war mittendrin statt nur dabei beim 45. BMW Berlin Marathon 2018. Das Event war ein Spektakel sondergleichen. Es hat mir so viele Facetten, Eindrücke und Perspektiven gezeigt, wie kaum ein anderer Lauf den ich bisher gelaufen bin. Jedes Mal wenn ich gefragt werde: „Wie war es?“ muss ich erst einmal tief Luft holen. Eine kurze Antwort gibt es für mich nicht.

Die Voraussetzungen…

waren enorm gut. Meine Vorbereitung lief ziemlich gut, ich fühlte mich auf den Punkt fit, das Wetter war perfekt und ich kam mit der Organisation extrem gut zurecht. Meine Zielzeit sollte deutlich unter 04:30 liegen. Ich habe mir vorgenommen durchschnittlich eine Pace von ungefähr 6:15/km durchzulaufen.

Kurz: Das hat nicht geklappt. Die Straßen waren enorm voll und ich konnte bis KM 18 nicht mein angestrebtes Tempo laufen. Ständiges Ausweichen, Beschleunigen und manchmal auch abruptes Abbremsen waren nötig. Das hat ordentlich Kraft gekostet. Zwischendurch gab es immer wieder Phasen, wo es besser ging. Als ich die Halbmarathon-Marke überquerte, erwähnte der Moderator, dass Eluid Kipchoge den Weltrekord geknackt hat. Party beim Halbmarathon! Ab KM 28 wurde es wieder ziemlich voll auf den Straßen und ab da habe ich alle Pläne über Board geworfen. Aber ich war damit durchaus okay. Es ist Berlin. Es ist der Weltrekord-Marathon. Meine eigene Zeit hat mich nicht mehr so sehr gejuckt. Ich will nur noch diese Medaille mit dem Konterfei von (ausgerechnet) Kipchoge. Als hätte man es vorausgesehen, dass er heute hier in Berlin einen neuen Weltrekord aufstellt. Und ich war mittendrin statt nur dabei.

Ungefähr nach KM 32 wurde es dann hart und in meinem Kopf machte sich ein bisschen „mimimi“ breit. Eigentlich wollte ich nur noch irgendwie ankommen und zu meiner Tochter zurück ins Hotel. Die wartet dort wahrscheinlich schon auf mich…? Wir hatten abgemacht nach dem Marathon kurz zu ruhen und dann zu gönnen. Essen gehen.

Die Straßen wurden wieder zunehmend dichter. Um mich herum gehen bereits viele. Ich kann noch laufen, zwar nicht mehr besonders schnell aber immerhin ist es noch als Laufen zu erkennen. Ich bin stolz auf mich, denn von Beginn an war ich stets am Überholen. Wie immer. Diesmal jedoch über die Marathondistanz. Es tut mittlerweile etwas weh. Ich hätte andere Schuhe wählen sollen. Denn nach ungefähr drei Stunden laufen, stieß einer meiner Zehen regelmäßig vorne an. Vielleicht habe ich sie auch einfach nur schlecht geschnürt. Wenn ich eine Schonhaltung einnahm, knickte mein Fuß leicht weg. Dann lieber eine Blase riskieren als ein umgeknickter Fuß.

Überraschung zum Schluss

Als ich bemerkte, dass ich inzwischen auf der Friedrichstraße laufe, war ich schon sehr erleichtert. Das Ziel ist nicht mehr weit. Schon bei dem Gedanken bog ich auf die Zielgerade ein. Jeder der durch die Kurve lief, bekam vor sich bereits das Brandenburger Tor zu sehen. Ein paar Hundert Meter dahinter das Ziel. Klatschen, erleichterndes Jubeln und die Stimmungsmache der Berliner. Absolutes Gänsehaut-Feeling auf der Straße „Unter den Linden“. Ich jogge nur noch aber ich gehe nicht.

Mit dem Blick fest auf das Brandenburger Tor, es ist ganz nahe, sah ich im Augenwinkel links neben mir eine kleine Person laufen. „Papa ich bin hier!“ – Ok… kurz vor dem Ziel ist meinem Gehirn komplett der Saft abgedreht worden und ich halluziniere. Dann wieder: „Papa, Papa. Hiiiieeerr.“ Ich drehte meinen Kopf und traute meinen Augen nicht. Neben mir lief meine Tochter. „Was? Wie kommst du denn hier her?“ Ich nahm sie an der Hand und schaute nach vorn. Das Brandenburger Tor vor der Nase wurde mir klar, dass ich jetzt drosseln muss. Meine Kleine kommt sonst nicht mehr mit. Dankbar und emotional überfordert hätte ich meine Tochter am liebsten stundenlang umarmt. Aber wir liefen einfach weiter und sie hat das angeschlagene Tempo bis ins Ziel durchgezogen! Wir hüpften über die Matte… ein Piepen und aus. Wir waren drin. Durch. Marathon in 4:36:11 und zum Schluss mit meiner Tochter. Für die es auch irgendwie anstrengend war. Berlin ist geil. Aber so ein Finale wird es wohl nie wieder geben. Wer interessiert sich da schon für Zielzeiten?

Emotionales Ende

Es hätte auch ein kleiner Marathon in Hintertupfingen sein können bei so einem Finale. Meine Tochter hat diesen Lauf erst unvergesslich gemacht. Aber das Ganze natürlich in dieser Kulisse, mit den ganzen Menschen, dem Weltrekord und der Belastung. Das hat das Ganze natürlich sowas von abgerundet. Es war für mich schon der emotionalste Lauf den ich je gelaufen bin.

Meine Tochter und ich schlenderten zusammen durch den Nachzielbereich. Auf der Jagd nach Flüssigkeit und Nahrung.

In Berlin einen Marathon zu laufen ist DER Hammer. Es ist einfach richtig genial. Zuletzt weil ich die Stadt so gern habe. Dennoch… bis ich dort noch einmal laufen werde, werden ein paar andere Marathons ins Land ziehen. Denn für eine bestimmte Zeit ist es mir dort einfach zu voll. Das war mein zweiter Marathon den ich gelaufen bin. Und ganz, ganz sicher nicht der Letzte. Marathon zu laufen macht mir einfach großen Spaß. Jetzt schraube ich allerdings erst einmal ein bisschen zurück und erhole mich.

Offizielle Zeit: 4:36:11